Greina Wanderung im Tessin: Im Einklang mit der Natur

Nachdem ich nun doch schon einige Monate wieder zuhause und im Alltag bin, vermisse ich vor allem die Freiheit und die Bewegung in der Natur. Umso mehr habe ich mich gefreut, als es über ein Wochenende in die Schweiz zum Wandern ging. Allerdings war die Wanderstrecke, die wir da auf dem Plan hatten, eine ziemlich große Herausforderung für mich. Das war mir schon von Anfang an klar. Die Wanderung war mit ca. 9 Stunden und einer Strecke von über 27 km angegeben. Dabei sollte man über 1000 Höhenmeter überwinden. Ich weiß auch nicht wieso, aber irgendwie schaffe ich es immer, mir sehr herausfordernde Wanderungen auszusuchen. Ich wandere nicht oft aber wenn, dann sind es immer gleich ganze Tageswanderung. Die Greina Wanderung im Tessin, die wir auf dem Plan hatten, war als SAC Stufe zwei eingestuft. Die SAC Skala ist eine Berg-Wanderskala, die vom Schweizer Alpenclub eingeführt wurde. Sie ist in sechs verschiedene Stufen eingeteilt. Die Stufe zwei ist nach dieser Einteilung die zweiteinfachste Stufe. Allerdings muss man bedenken, dass man Berg – und Alpinwanderungen allgemein nicht mit herkömmlichen Wanderungen vergleichen kann. Bei einer Wanderung mit der Einstufung 2 ist zum Beispiel vermerkt, dass ein Absturz bei der Wanderung nicht ausgeschlossen werden kann.

Start der Greina Wanderung im Tessin

Startpunkt unserer Wanderung war in Campo Blenio. Da es sich bei der Greinawanderung um eine Rundwanderung handelt, kann man diese in zwei verschiedene Richtungen starten. Auf der Rundwanderung gibt es dann zwei Berghütten, auf denen man übernachten kann. Für geübte Wanderer ist die Tour aber auch an einem Tag machbar. Eine vorherige Reservierung der Hütten ist unbedingt notwendig. Wir entschieden uns die Wanderung von Campo Blenio Richtung Diga di Luzzone zu starten. Wahrscheinlich war das nicht gerade die beste Idee, denn selbst im Tourismuszentrum riet man uns, die Wanderung eher in die andere Richtung zu beginnen, da dieser Weg einiges einfacher sei. Besonders die Steigung auf der von uns geplanten Route sei kein Zuckerschlecken. Aber es war zu spät. Da wir unsere Hütte schon gebucht hatten und am nächsten Tag wieder früh zurück mussten, zogen wir unseren Plan durch. Es ging los.

Direkt von Beginn an, ohne Schonfrist, ging es steil bergauf. Die erste Stunde bis zum Stausee Luzzone mussten wir schon an die 400 Höhenmeter überwinden. Ein Kraftakt. Es ist gar nicht so einfach wieder in den Rhythmus zu kommen. Es dauert eine Zeit bis man die Atmung, Wanderstöcke und Schritte im Griff hat und etwas Routine bekommt. Die ersten Kilometer bis zum Stausee hätte man auch mit dem Alpin Bus oder dem eigenen Auto zurücklegen können. Aber ganz ehrlich, das wäre ja Selbstbetrug. Entweder ganz oder gar nicht war unsere Devise. Auf diesem einstündigen Weg zum Stausee verliefen wir uns schon zweimal, weil wir eine falsche Abbiegung nahmen. Die Beschilderung war teilweise etwas unklar. Im Großen und Ganzen war alles gut ausgeschildert aber bei manchen kleinen Abzweigungen war der Weg nicht deutlich genug erkennbar. Zumindest habe ich das so wahrgenommen. Als wir endlich am Stausee ankamen, schon nach der ersten Stunde total verschwitzt und ziemlich kaputt, waren die Strapazen aber schnell vergessen. Der Blick auf den See war sehr beeindruckend. So hatte ich mir das vorgestellt. 🙂

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Der Rest des Weges ging dann erst einmal etwa eine Stunde angenehm am See entlang. Das war wirklich ein Highlight. Mir gefiel vor allem, dass diese Wanderroute nicht überlaufen war. Wir waren sehr oft ganz für uns und konnten so die Natur richtig genießen. An dem See Luzzone machten wir dann auch unsere erste Rast, in Gesellschaft von vielen schönen Schmetterlingen ( die zu meinem Leid irgendwie einen Faible für meine Reisebegleitung hatten, statt für mich) und mit Blick auf den See.

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Greina-Wanderung im Tessin: Der steile Aufstieg ins Hochland

Uns war klar, dass wir diese Pause am See genießen mussten, denn danach hieß: 600 Höhenmeter zu Fuß zu überwinden. In solchen Momenten ist dir bewusst: 600 Höhenmeter sind viel. Es wird steil und anstrengend. Du siehst, dass die Zeit für den Aufstieg mit zwei Stunden angegeben ist. Aber was es wirklich bedeutet, wird dir erst bewusst wenn du die ersten 15 Minuten hochwanderst und schon total außer Puste bist. Ja ich musste öfter anhalten und nach Luft schnappen. Der Blick auf den See war echt schön aber irgendwie wollte ich nur noch oben ankommen. Nach einiger Zeit fragten wir entgegenkommende Wanderer, wie lang es noch ginge bis zum Ziel. Das Ziel war in diesem Fall die Motterascio Hütte, in der wir aber nicht übernachteten. Es war einfach nur ein Zwischenziel unserer Wanderung, ein Zielpunkt für uns. Das mache ich beim Wandern immer. Ich setze mir kleine Zwischenziele, die schneller und einfacher zu erreichen sind. Das steigert dann die Motivation. Die Wanderer sagten uns, dass wir noch etwa eine Stunde bis dahin brauchen würden und der Weg noch viel steiler werden würde. Na toll. Das wollten wir nicht hören.

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Leider hatten die anderen Wanderer aber recht. Alles was bisher war, war ein Kinderspiel. Es ging extrem steil bergauf. Und das Gemeine dabei: Man sah die Hütte schon seit langem von Weitem aber sie kam und kam einfach nicht näher. In solchen Momenten frage ich mich manchmal schon: Wieso tue ich mir das an? Aber ich denke das ist normal und fragt sich jeder ungeübte Wanderer von Zeit zu Zeit. Es war wirklich das härteste Stück der gesamten Wanderung und machte auch am wenigstens Spaß. Aber als wir dann endlich an der Hütte ankamen, war ich dann auch wieder richtig stolz es gepackt zu haben. Wir gönnten uns aber keine Pause und gingen gleich weiter. Schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte der Wanderung geschafft. Nun folgte aber der angenehmste und neben dem See auch der schönste Teil.

Wir liefen ca. zwei Stunden im Hochland der Schweiz. Vor uns grüne Wiesen und schöne Blumen, im Hintergrund die Berge und ein Gletscher. Die Aussicht war wunderschön und alles so menschenleer und ruhig. Die Anstrengungen von zuvor waren zwar nicht vergessen, aber sie waren es wert. Deshalb liebe ich es zu wandern. Weil du dadurch an Orte kommst, die du sonst nicht sehen würdest. Weil du im Einklang mit der Natur unterwegs bist und fabelhafte Landschaften siehst. Als wir dort oben eine Pause einlegten schaute uns ein Murmeltier von Weitem zu. Wir sahen im Laufe der Tour noch mehrere davon. Wir liefen vorbei an schönen Kühen (Ich finde Kühe sind ja echt keine schönen Tiere aber in der Schweiz sind die irgendwie hübscher als bei uns :)) und bunten Blumen. Die Wiesen hier waren noch schön saftig grün. Hier hatte die Hitzewelle noch keinen sichtbaren Schaden angerichtet.

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Während der gesamten Wanderung fühlte ich mich komplett frei. Meine Gedanken, Sorgen, Ängste, Zweifel waren einfach weggeblasen. Es zählte nicht mehr. Der Fokus lag auf der Erreichung meines sportlichen Tagesziels und dem Genießen der einmaligen Natur. Durch die Hochebene wanderten wir ca. 2 Stunden danach ging es nochmal etwas bergauf. In der Zwischenzeit schmerzten die Beine nach über 5 Stunden Wanderung doch langsam und das nächste Ziel war die Erreichung „unserer Hütte“ für die Nacht. Das letzte Stück zog sich dann aber doch noch ziemlich hin. Voll komisch , das war bei meiner letzten langen Wanderung auch so. Wahrscheinlich weil die Kräfte irgendwann doch einfach nachlassen, wenn der Wille auch noch so groß ist und man einfach nur noch müde ist.

Greina Wanderung: Eine Nacht in der Wanderhütte

Der Aufstieg zu der Scalettahütte war dadurch zwar auch nochmal echt anstrengend aber überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Aufstieg auf die andere Hütte. Das Blöde dabei war nur, dass man die Hütte einfach nicht sehen konnte. Man wanderte hoch, lief um eine Kurve, dachte man sei fast am Ziel und sah wieder… Nichts. Die Zeitangaben auf den Schildern konnte man auch nicht so richtig trauen. Oder könnt ihr es verstehen, wie es sein kann, dass zuerst da steht: Noch 1,20 bis zum Ziel und nach gefühlt einer halben Stunde laufen die Zielentfernung mit 1,30 Stunde angegeben wird? Nein wir hatten uns dieses mal nicht verlaufen :).

Irgendwann, als ich schon nicht mehr dran geglaubt habe und mir die Hütte vor meinen Augen wie eine Fatamorgana erschien, waren wir dann endlich da.

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In der Hütte gab es dann nach dem Bezug des Zimmers erstmal Essen. Die heiße Suppe war dabei das Beste für mich. Obwohl es an dem Tag warm war, war ich irgendwie durchgefroren. Auf dem Berg herrscht doch immer ein frischer Wind. In Kombination mit dem Schwitzen war das eine gefährliche Mischung und irgendwie fröstelte ich. Wir lernten dann auch gleich noch zwei nette Schweizerinnen kennen und unterhielten uns den ganzen Abend mit ihnen. Geschlafen haben wir in einem Massenlager. Wir hatten aber den besten Platz ganz oben mit Blick auf den Sternenhimmel. Insgesamt erinnerte mich das alles wieder sehr an meine Reisen und das Hostelleben. In der Hütte schliefen mindestens 16 Personen in einem Raum. Aber es war ruhiger als in den Hostels, denn die Regeln waren sehr streng. Um 22 Uhr war absolute Nachtruhe. Vor 22 Uhr musste man die Zähne geputzt haben und im Bett sein. Denn danach musste es mucksmäuschenstill sein. Das fand ich gar nicht toll. Ich hätte gerne den Abend noch gemütlich ausklingen lassen, mich unterhalten und dieses Hüttenfeeling ausgekostet. Aber im Gegensatz zu den anderen Wanderen hatten wir am nächsten Tag auch nur noch drei Stunden zu laufen.

Tag zwei auf unserer Wanderung im Tessin

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, begrüßte uns draußen eine komplette Nebensuppe. Man sah nicht mehr weit, die ganzen Berge waren in Nebel gehüllt. Aus diesem Grund und dadurch, dass ich doch ziemliche Schmerzen in der Leiste von der Wanderung am Vortag hatte, entschieden wir uns nur noch 1,5 Stunden bis zur Busstation zu wandern und die restlichen 1,5 Stunden mit dem Bus zu fahren. Aussicht hatte man bei diesem Wetter sowieso keine und es war daher auch nicht ganz ungefährlich. Normalweise benötigt man bis zur Busstation nur etwa 40 min zu Fuß, aber dieser Weg war bei der schlechten Sicht einfach zu gefährlich. Und so nahmen wir den Umweg, der vorbei an Wasserfällen und Kühen zurück ins Tal führte. Es war herrlich. Trotzdem war ich froh, als wir an der Busstation ankamen und ich meine Beine hochlegen konnte. Bei der Fahrt zurück ins Tal versperrten uns Kühe den Weg. Für meine Reisebegleitung, der aus der Schweiz stammt war das normal, für mich war das total beeindruckend und ich musste das natürlich sofort mit der Kamera festhalten. So etwas kannte ich einfach nicht. Auch die Aussicht war einfach nochmal spektakulär und mir wurde klar: Egal wie sehr ich das Wandern manchmal verfluche, wenn die Füße schmerzen und es steil bergauf geht. Das war nicht meine letzte Wanderung. Dafür liebe ich die Natur und die Freiheit in den Bergen einfach zu sehr.

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Eure Nele

PS: Wenn ihr Lust habt, schaut euch doch mein Youtube Video dazu an und lasst euch in die Bergwelt der Schweiz entführen :). Video zur Greina Wanderung

 

 

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