Interview: Pilgern auf dem Jakobsweg

 

Wenn man eine Reise startet, startet man diese mit dem Gedanken, dass danach die Wunschliste kleiner wird. Dabei lernt man auf Reisen immer wieder Menschen kennen, die von tollen Zielen und tollen Erlebnissen erzählen und dir zeigen: Deine Sehnsucht wird niemals gestillt werden, es gibt einfach zu viele schöne Orte auf dieser Welt. Babsi habe ich vor fast einem Jahr in Neuseeland kennengelernt, wir haben uns gut verstanden und wir sind bis heute in Kontakt geblieben, ich habe sie auch schon in Ihrer Heimat Bayern besucht. Schon in Neuseeland hat sie mir von ihrem Jakobsweg erzählt, voller Freude und Stolz. Ich war total beeindruckt von den Wegen, die sie dort zurückgelegt hat, dass ich gesagt habe: Du musst mir ein Interview für meinen Blog geben und sie hat es gemacht😊
Viel Spaß beim Lesen

Wann und wie bist du auf dem Jakobsweg gepilgert?

Im Oktober 2016 habe ich mich auf den Weg gemacht, um von Burgos aus nach Santiago de Compostela auf dem Jakobsweg zu laufen. Ursprünglich war Santiago de Compostela mein Ziel. Während des Laufens jedoch beschloss ich, auch die letzten circa 100 Kilometer nach Fisterra, dem Ende der Welt, zu laufen. Insgesamt bin ich somit in circa vier Wochen etwa 600 Kilometer gelaufen.

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Was hat dich bewegt, den Jakobsweg zu laufen?

Die Grundidee war schon lange in meinem Kopf. Wieso, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich habe nicht Harpe Kerkelings Buch gelesen oder seinen Film gesehen, wie so viele von den deutschen Pilgern, die ich getroffen habe 😉 Allerdings habe ich mir mal eine Dokumentation über den Camino Frances, den bekanntesten der Jakobswege, angesehen.
Mir gefiel die Idee, zu Fuß zu reisen mit nur dem Nötigsten. Nach zwei stressigen, sehr arbeitsintensiven, anstrengenden Jahren, erschien mir der Jakobsweg als guter Einstieg in mein freies Jahr (Sabbatical). Hier kann man sich auf das Wesentliche besinnen.

Hast du Menschen kennen gelernt, die von sehr weit gekommen sind, um die Pilgerung auf dem Jakobsweg zu machen?

Ja. Hauptsächlich, das muss man zugeben, trifft man Deutsche, auffallend viele deutsche Frauen in meinem Alter (Mitte/Ende 20), die das erste Mal alleine unterwegs waren, wie ich auch. Aber ich habe auch Leute aus Kanada, viele Amerikaner und auch Australier getroffen und sehr viele Asiaten, vor allem Koreaner. Leute jeden Alters waren unterwegs.

Bist du körperlich oder seelisch während der Pilgerung an deine Grenzen gestoßen?

An meine Grenzen gestoßen, das würde ich jetzt nicht behaupten. Es ging natürlich mal besser, mal schlechter, sowohl vom Körperlichen her als auch vom Seelischen. Ein ehemaliger Pilger, der heute am Jakobsweg eine der Herbergen führt, erklärte uns, ziemlich zu Beginn meines Weges, man mache drei Phasen durch: zuerst körperlich, es zieht im Rücken, die Füße schmerzen, dann kommt die Phase, in der die Gedanken kreisen, denn man hat ja außer denken und sich zu unterhalten nicht viel zu tun und anschließend kommt die dritte Phase, in der man sich auf das Wesentliche konzentriert, er nannte es die Phase des Herzens, der Seele. Irgendwie ist da auch was dran.

Ist es einfach während der Pilgerung mit anderen in Kontakt zu kommen?

Ja, sehr einfach. Da sich auch alle in die gleiche Richtung bewegen, trifft man auch oft mal bekannte Gesichter, auf dem Weg, in nem Café oder in der Herberge. Die meisten Leute sind sehr offen.

Wie kann man sich einen Pilgeralltag am Jakobsweg vorstellen?

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Du stehst gegen 7:00 bis 7:30 Uhr auf (im Sommer, habe ich mir sagen lassen, früher, denn es wird sehr heiß), ziehst dich an, ziehst dein Bett ab, packst deine wenigen Sachen zusammen, machst dich kurz frisch und verlässt die Herberge. Die öffentlichen Herbergen müssen meist pünktlich um 8:00 Uhr morgens verlassen sein. Man kann dort auch nur eine Nacht verbringen, außer man ist krank und braucht einen Ruhetag. Teilweise gibt es ein einfaches Frühstück in den Herbergen, andernfalls pilgert man los und kauft sich in den zahlreichen, einfachen Cafés direkt am Weg sein Frühstück (meist Schokoladencroissant und Kaffee). Dann pilgerst du los. So schnell, so weit und mit so vielen Pausen, wie du willst. Alleine oder mit Leuten aus deiner letzten Herberge. Anfangs habe ich mir morgens überlegt, wie weit ich gehen will. Später habe ich mich einfach treiben lassen. Wenn ich Lust hatte, die Strecke schön war und es mir einfach gut ging, bin ich weitergelaufen. Irgendwann kommst du dann an, gegen 4 oder 5 Uhr. Du suchst dir eine Herberge, fragst nach einem Bett, zahlst 5 bis 6 € pro Nacht in einer öffentlichen Herberge oder ein paar Euro mehr in einer der zahlreichen privaten Herbergen. Im Schlafsaal suchst du dir ein Bett, das beziehst du. Dann wäscht du deine Klamotten, kochst dir was zu Abend oder kehrst wieder in eines der zahlreichen Restaurants ein. Vielleicht gibt es auch noch das ein oder andere Bier oder ein Gläschen Rotwein. Um zehn ist meist Nachtruhe, woran sich eigentlich auch jeder hält, denn der nächste Pilgertag kommt in ein paar Stunden. So läuft das Tag für Tag, nur die Wegstrecke, die Landschaft und die Begegnungen ändern sich. Das tolle ist, dass man eigentlich den ganzen Tag an der frischen Luft und in Bewegung ist.

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Pfeil aus Steinen
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Immer der Muschel und Steinen folgen

Was hast du außer dieser Reise mitgenommen? Hast du dich dadurch verändert?

Ich bin vorher auch schon öfter mit Rucksack gereist und habe auch dort schon genossen, dass ich alles, was ich brauche, in einem Rucksack mit mir trage. Auf dem Jakobsweg ist es noch deutlicher, da ich ja wirklich mein Hab und Gut, wie mein eigenes Schneckenhaus, mit mir trage. Und die paar Oberteile und Hosen und Socken haben einfach gereicht. Es interessiert niemanden, was man trägt oder wie man aussieht. Ich kann nicht sagen, dass ich mich rein durch den Jakobsweg verändert habe, aber es kam was ins Rollen, einfach weil ich mich so gut gefühlt habe, genau so, wie es dort war. An der frischen Luft, in Bewegung und mit nur zwei, drei Habseligkeiten und das einzige was für den Tag wichtig ist, war, wo kann ich was essen und wo werde ich heute schlafen? Das ist befreiend, macht dankbar, zufrieden und man fokussiert sich auf das Wesentliche. Ich hatte das Gefühl, endlich wieder ein bisschen mehr bei mir selbst anzukommen. Ein sehr gutes Gefühl.

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Weg in Galazien

Was war die schönste Erfahrung für dich während der Pilgerung auf dem Jakobsweg?

Die eine schönste Erfahrung kann ich so jetzt gar nicht benennen. Es war mehr so, dass immer alles so gekommen ist, wie es sein soll. Man spricht auch von der Magie des Caminos. An dem einen Tag, als ich vor Schmerzen fast nicht mehr auftreten konnte, um ein Beispiel zu nennen, war ich mit ein paar Mädls unterwegs. Es begann fürchterlich zu regnen und wir suchten einen Unterstand. Dort erkundigten sich meiner Mitpilger nach meinem Fuß, zufälligerweise hörte dies eine Physiotherapeutin, die sich unter dem gleichen Baum vor Regen schützte und bot mir dann sofort eine Massage an. Es passierte auch öfters, dass ich alleine war und mir Begleitung wünschte und plötzlich, in ner Herberge oder in nem Gemüseladen eines kleinen Ortes ein bekanntes Gesicht auftauchte und man dann gemeinsam zu Abend kochte oder die nächsten Teilstrecken gemeinsam meisterte. Eine sehr schöne Erfahrung war auch das Ankommen in Santiago selbst vor der Kathedrale. Dort am Vorplatz treffen sich alle Pilger, die Stimmung dort ist unbeschreiblich, die Emotionen zum Greifen. Man freut sich mit jedem neu Ankommenden, der von Bekannten mit lautem Jubeln empfangen wird. Wunderbar war es dann auch noch, zu Fuß bis ans Meer, nach Fisterra zum Kilometer 0 zu laufen. Auch schön waren die vielen guten Begegnungen mit vielen interessanten Menschen, mit welchen man oft sofort auf einer Wellenlänge war und oft echt gute Gespräche führte.

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Kilometer 0 Fisterra

Was würdest du anders machen?

Im Prinzip nicht viel. Es kommt, wie es kommen soll. Ich würde nur jedem empfehlen, den Camino Frances in Saint Jean Pied de Port zu starten. Mir fehlt dieses dieses Stück des Weges bis Burgos, was ich heute etwas schade finde.
Und angeblich ist es ein guter Tipp, nicht im Juli oder August zu laufen – außer man hat Freude an der Jagd nach einem Herbergsplatz. Im Sommer soll der Jakobsweg zu sehr überlaufen sein.

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Würdest du es wieder tun?

Ja. Ich plane auch schon meinen nächsten Jakobsweg – es gibt ja zum Glück unendlich viele Teilstrecken. Das Ziel muss auch nicht immer Santiago sein – der Weg ist das Ziel ;).

 

Nele

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anonymous sagt:

    Einfach schön mal die Erfahrung von Pilgern zu lesen die das Abenteuer sich selbst zu finden auf sich genommen haben.

    1. neleworld sagt:

      Das freut mich, vielen Dank 🙂

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