Häusliche Gewalt: Angst in der Beziehung

Soll ich über meine Erfahrung mit häuslicher Gewalt in einer Beziehung wirklich schreiben? Diesen Erfahrungsbericht mit der Öffentlichkeit teilen?  Ich gebe schon so viel von mir preis, muss dieses Kapitel meines Lebens wirklich auch noch in die Öffentlichkeit? Ich habe entschieden: „Ja!“ und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas in einer Beziehung widerfahren ist. Trotzdem ist häusliche Gewalt immer noch etwas, dass viel zu selten thematisiert wird. Man darf das nicht totschweigen, obwohl ich es selbst jahrelang gemacht habe. Heute am Weltfrauentag ist der passende Tag um über das Tabuthema Häusliche Gewalt zu sprechen.

Häusliche Gewalt kann jedem passieren

„Ich verstehe Frauen nicht, die bei Ihren Männern bleiben, obwohl sie geschlagen werden.“ Ich kann mich noch ganz deutlich an meine Worte vor Jahren erinnern, als ich mit meiner Familie im Fernsehen eine Sendung zu diesem Thema sah. Niemals hätte ich daran gedacht, dass ich selbst einmal in diese Situation in einer Beziehung kommen würde.

Angefangen hatte alles mit kleinen psychischen Spielchen, mit unter Druck setzen, mit Tränen und Unsicherheiten. Ich wurde klein gehalten und fühlte mich minderwertig und kraftlos. Mir war zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, dass das alles bereits eine Vorstufe der Gewalt war, nur kam diese nicht durch körperliche Attacken zum Ausdruck sondern durch psychische Überlegenheit. Durch dieses Verhalten fühlte ich mich sofort schwach und klein, sodass ich fast alles regungslos über mich ergehen ließ. Eigentlich wollte ich doch nur eines: Geliebt werden.  Ein Leben ohne diese Person konnte ich mir damals nicht vorstellen. Ich konnte mir nicht vorstellen, alleine, ohne ihn, in dieser Welt klar zu kommen. Und es gab ja auch schöne Zeiten. Momente in denen ich ehrlich glücklich war in meiner Beziehung und all die Probleme vergessen konnte. Aber die anfänglichen psychischen Spielchen ala : „Ich verlasse dich … “ , die mehrmals einen Nervenzusammenbruch in mir auslösten, steigerten sich irgendwann zu verbalen Aggressionen und Beschimpfungen. Es folgten erste, unkontrollierte Ausbrüche in der Öffentlichkeit und vor Freunden. Ich kann mich noch an eine Situation erinnern, als er vor mir an einer Wand stand und er mit aller Kraft, dicht neben meinem Gesicht in die Wand schlug. Er wurde von seinen Freunden von mir weggerissen. Wenn  ich  diese Worte schreibe, zieht sich auch heute noch mein ganzer Magen zusammen, mein Herz rast und ich sehe die Situation vor meinen Augen, als sei es gestern gewesen, obwohl es lange her ist. Passiert ist danach nichts. Weder meine Freunde noch ich sahen die Alarmzeichen. Oder wollten wir sie einfach nicht sehen? Wir schoben es auf den Alkohol, es würde schon nicht mehr passieren.

Es war nur einmal aber es prägt mich bis heute

Doch dann kam die Nacht, in der das passierte, was niemandem auf dieser Welt passieren sollte. Wir waren Zuhause, alleine, keiner da, der mir helfen konnte. Wegen einer Kleinigkeit rastete er völlig aus, verlor die Beherrschung und drückte mir für einige Sekunden, die mir wie Stunden vorkamen, mit voller Kraft den Hals zu. Die Gewalt nahm Besitz von ihm. Ich hatte Todesangst. Als er wieder von mir abließ, zitterte ich am ganzen Körper, weinte bitterlich und drehte mich zur Seite. Ich sei selbst schuld und hätte diese Reaktion mit meinem Verhalten provoziert, redete er mir ein und aus irgendeinem Grund glaubte ich ihm. Auch wenn es für mich heute unvorstellbar ist, schlief ich in dieser Nacht neben diesem Mann ein. Die ganze Nacht weinte ich, zitterte und war völlig fertig aber ich zog keine Konsequenzen aus diesem Vorfall, redete mit niemandem darüber.  Es war nur dieses eine mal, dass er komplett die Beherrschung verlor aber einmal ist definitiv einmal zu viel. Erst ein Jahr später trennte ich mich unabhängig von diesem Vorfall von ihm und vertraute mich langsam meiner Familie an. Sie waren total schockiert, denn vor Ihnen spielte ich lange weiter die heile Welt. Bis heute wissen nur meine engsten Vertrauten, was damals passiert ist. Auch wenn es keinen Grund dafür gibt, man schämt sich. Heute ärgere ich mich vor allem über mich selbst, dass ich mich damals nicht zur Wehr gesetzt und den Fehler bei mir gesucht habe.

Häusliche Gewalt: Du bist nicht schuld

Ich habe nie verstanden, wieso Frauen ihre Männer für solche Taten in Schutz nehmen aber habe es dann selbst getan. Auch wenn körperlicher Gewalt ein Streit oder eine Provokation voraus geht, NIEMAND hat das Recht, dir körperlich weh zu tun. Es gibt andere Wege mit einem Streit umzugehen. Wer Konflikte auf diese Art löst, ist eine Gefahr und wer sich einmal nicht im Griff hat, tut es immer wieder. DU BIST NICHT SCHULD! Den einzigen Fehler den du machst, ist bei einer Person zu bleiben, die dir so etwas antut. Dafür musst du dich als Betroffene nicht schämen, sondern ausschließlich der Täter.

Was kann ich als Angehörige/r tun?

Schaut nicht weg! Sobald ihr aggressives Verhalten bei einem befreundeten Paar bemerkt, bleibt wachsam. Erkennt ihr blaue Flecken? Wirkt eine Person sehr verängstigt? Oft verhalten sich nahe Angehörige anfangs auch wie die Opfer und finden eine Entschuldigung, z.B im Alkoholkonsum.

Sollten sich diese Anzeichen häufen, sensibilisiert andere enge Vertraute des Paares, um gemeinsam die Situation zu beurteilen und gegebenenfalls einzugreifen. Lieber man macht sich einmal zu viel Sorgen als einmal zu wenig. Sprecht das Thema an, wie reagiert das Opfer? Und ganz wichtig: Lasst euch nicht zu schnell abwimmeln und gebt nicht auf. Dem Opfer kann nur geholfen werden, wenn es selbst einsieht, dass es so nicht weiter geht. Und das braucht leider oft sehr sehr viel Zeit.

Die Auswirkungen zeigen sich bis heute

Dieser Vorfall ist lange her und gerät immer mehr in den Hintergrund. Ich bin nun eine erwachsene und starke Frau, weiß was ich im Leben will und wer ich bin. Aber diese Vorfälle haben mich geprägt. Mir fiel es über Jahre hinweg schwer zu vertrauen oder jemanden an mich heran zu lassen. Berührungen von einem Mann und seien sie noch so klein und unbedeutend waren mir zuwider. Es überforderte mich, wenn ein Mann mir zu nahe kam und meine Sicherheitszone überschritt. Die Angst wieder verletzt zu werden, sei es körperlich oder emotional war sehr groß und machte es mir unmöglich eine gesunde Beziehung zu führen. Wenn da mal ein Mann war, den ich gern hatte, machte ich es immer wieder kaputt. Es war unmöglich für mich eine Beziehung locker angehen zu lassen, ich brauchte schon nach kurzer Zeit Verbindlichkeit und Sicherheit. Erst durch meine Reise habe ich gelernt wieder Nähe zuzulassen. Es ist wieder okay, wenn mich eine männliche Person in den Arm nimmt, es tut mir sogar sehr gut. Ich habe wieder gelernt zu vertrauen und mein Herz zu öffnen. Die Angst vor Verletzungen bleibt aber langsam fühle ich mich wieder fähig zu lieben.

Eines ist sicher: „Wahre Liebe darf niemals (körperlich) wehtun.“

Eure Nele

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Nele,
    endlich habe ich es mal geschafft, wieder etwas von dir zu lesen. Ich finde es sehr mutig, dass du das Thema aufgreifst, dazu stehst. Ein wirklich beeindruckender Artikel, der zum Nachdenken anregt. Wann beginnt Gewalt, physisch oder auch psychisch? Wie erkenne ich vielleicht die Zeichen? Aber auch das große Problem nach dem „Hab mich bitte lieb!“, das für uns oft so eine große Bedeutung hat, dass wir alle Anzeichen gar nicht sehen wollen, vieles hinnehmen, unseren Selbstwert verlieren…Aber ich möchte jetzt keinen Roman schreiben. Jedenfalls DANKE für deine Offenheit und weiterhin viel Erfolg mit dem Schreiben! Und: Die Liebe findet jeden 😉
    Fühl dich umarmt,
    deine Peggy

    1. neleworld sagt:

      Danke für deinen lieben Kommentar Peggy. Irgendwie findest du immer die richtigen Worte <3 Hoffe wir sehen uns ganz bald wieder:*

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