Ein emotionales Interview: Tanz ins Glück ☘

Wenn du eine Geschichte hast, die dich prägt, dann öffnet sich dein Blick für Menschen, die ähnliche Dinge erlebt haben. Gerade als Bloggerin ist es mir wichtig, solchen Menschen zu begegnen und meinen Lesern zu zeigen: Es gibt diese Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse nun ihren Traum leben, weil Sie alte Strukturen durchbrochen haben. Jeder, der ernsthaft etwas in seinem Leben verändern will, kann das schaffen. Ich möchte euch heute die Lebensgeschichte von Anna, 26 Jahre jung, näher bringen.

Ich habe Sie im Dezember 2016 kennen gelernt und ich kann mich noch daran erinnern, als sei es gestern gewesen, wie wir zusammen mitten in der Nacht auf dem Sofa saßen und über Stunden ein so tiefgründiges Gespräch geführt habe, wie zuvor mit kaum jemandem. Ihre Weltanschauung, ihre Selbstreflektion und ihre Offenheit haben mich fasziniert, und mit ihrer Leidenschaft für die Musik haben wir etwas, was uns verbindet.
Als ich Anna nun wieder getroffen habe für das Interview, war es, als sei ich nie weg gewesen. Sofort war da wieder diese Vertrautheit und die offenen Gespräche. Wer Anna sieht, der denkt: Perfekte Frau. Aber das Leben war lange nicht perfekt für sie, bis sie es geschafft hat, alte Muster zu überwinden, der Depression den Kampf anzusagen und ihre Träume zu leben.

Anna kommt ursprünglich aus St. Petersburg. Mit Anfang 20 hat sie sich alleine auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hier hat sie dann an der Universität griechische Geschichte studiert. „Ich dachte Geisteswissenschaften würden gut zu mir passen,“ sagt sie. „ Ich wollte nicht die ganze Woche in einem Büro sitzen. Am liebsten hätte ich damals schon irgendetwas mit Kunst studiert, aber das war mir zu unsicher als Lebensgrundlage. Ich wollte etwas Konkretes haben. Die Geisteswissenschaften waren für mich eine Mischung zwischen etwas Konventionellem und der Kunst.“ Aber glücklich war Anna mit der Entscheidung nicht lange. Sie merkte, dass es ihr nicht gut ging, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. „Man sitzt da und hat alles, aber in dir drin ist Unruhe und man kann nicht genießen, was man hat.“ Trotzdem sei ihr lange nicht klar gewesen, dass sie sich behandeln lassen musste. „Ich fühlte mich vom der Welt nicht akzeptiert bzw. nicht verstanden und fragte mich: Was ist falsch mit mir?“
2014 wagte sie dann den Schritt und begab sich in Therapie.

Noch heute findet sie es faszinierend, wie sich, eigentlich nur durch Denkanstöße einer fremden Person, ihr Leben wieder positiv verändert hat. Durch die Therapie wurde ihr bewusst: „Man flieht vor vielen Dingen und will sich das oft nicht eingestehen. Die akademische Karriere war eine Flucht für mich. Hier konnte ich mich verstecken. Ich habe schon immer gerne getanzt und auf Partys auch Komplimente dafür bekommen. Aber ich habe mir nie erlaubt in diese Richtung weiter zu träumen, wenn ich die ganzen hübschen Tänzerinnen mit Topfigur gesehen habe, hat mich das wieder eingeschüchtert. Eines Tages habe ich im Internet ein Tanzvideo gesehen. Ein Paar hat dort Bachata getanzt, und ich war so hin und weg von dieser Tanzleidenschaft, dass ich wusste, das möchte ich auch machen. Und so habe ich mich bei einer Salsa Tanzschule angemeldet.“ Doch das Tanzen war mehr, als nur ein nebenbei entdecktes Hobby.
„Ich hatte gute berufliche Aussichten nach der Promovierung. Eine Promotionsstelle, gutes Gehalt und einen Vertrag für 3 Jahre, ich müsste nur arbeiten. Aber mir wurde plötzlich klar, dass ich in meinem Leben etwas ändern musste. Ich saß auf einmal da wie Neo in Matrix, als ob ich die rote Pille genommen hätte und die Welt sah komplett anders aus. Ich wachte wie vom tiefen Schlaf auf, in diesem Leben, das ich bis dahin gehabt hatte, und fragte mich: Was mache ich hier?“
Anna zog aus diesem Erlebnis die Konsequenzen.
„Nach kurzer Zeit habe ich mich dann voll auf das Tanzen eingelassen. Ich habe gemerkt, ich werde verrückt, wenn ich bei den Geisteswissenschaft bleibe, das ist nicht meine Leidenschaft. Ich habe nicht in das Standartbild gepasst. Aufgestylt an Latino Partys und dann promoviere ich in Geschichte. Mit 24 Jahren habe ich gelernt, mein Leben neu zu denken. Durch das Tanzen habe ich mein Selbstbewusstsein und meine Weiblichkeit entdeckt. Ich wollte mich nicht mehr von schönen Frauen und Männern da draußen einschüchtern lassen. Im Tanzen geht es darum, sich selbst durch Interaktion zwischen Kopf und Körper kennenzulernen: Der Körper reagiert auf das Training und auf die Dinge, die der Kopf entscheidet. Der Körper gibt dir dafür zurück, was der Kopf gar nicht weiß. Man spürt sich selbst auf eine neue Art und Weise. Man entdeckt, was in einem alles drin steckt.“

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Trotzdem kam es 2016 zu einem Rückschlag. Anna ging es schlechter als die Jahre zuvor. Ernsthafte Suizidgedanken begleiteten ihren Tag. Sie wandte sich wieder hilfesuchend an ihre Therapeutin. Auch wenn es anfangs ein Schock war, einen Rückfall zu erleiden, weiß sie heute: „ Eine Psychotherapie ist wie Fitness. Man darf nicht aufhören, an sich zu arbeiten, man muss immer dran bleiben.“
Und so nutze Sie die zweite Therapie, um Ihr Leben nochmal in andere Bahnen zu wenden. „Ich hatte im Salsa Bereich angefangen, habe aber schnell gemerkt, dass ich es hier relativ leicht zu etwas bringen kann. Die Konkurrenz in dieser Szene ist nicht sehr groß. Ich brauche für mich aber Herausforderungen, brauche Tänzer neben mir, die besser sind, damit ich noch mehr an mir arbeite und weiß, wo ich hin möchte. Bestimmte Sachen muss man einfach ausprobieren, um zu wissen, dass man wo anders hin muss. Deshalb habe ich mir eine andere Tanzschule gesucht und bin in den Hip Hop Bereich gewechselt. Außerdem bin ich nach 4 Jahren in eine andere Stadt gezogen, zurück zum Großstadtleben, das mir so gefehlt hatte. Es war Zeit, wieder etwas zu ändern.“
Stellt man sich da nicht manchmal die Frage, ob das eigene Leben anders, besser, ja vielleicht sogar ohne Depressionen verlaufen wäre, wenn man schon früher die Entscheidungen getroffen hätte und den Weg gewählt hätte, den man heute für richtig hält? Annas Antwort auf diese Frage finde ich beeindruckend: „ Man kann nie davon ausgehen, dass, wenn an einer Stelle etwas Besseres passiert wäre, nicht an einer späteren Stelle etwas komplett schief gelaufen wäre. Das war für mich der Punkt, wo ich die „Was-wäre-wenn“- Gedanken abgelegt habe und mich mit meiner Vergangenheit versöhnt habe. Die Veränderung findet in der Gegenwart statt.“
Heute sieht sich Anna selbst als Lebenskünstlerin, weil Sie für sich ihre Berufung gefunden hat.. „Ich habe jetzt eine normale Sicht auf mich selbst: Ich bin nicht so wichtig, dass mich alle hassen oder alle lieben müssen. Ich bin okay und zufrieden damit.“ Sie möchte unbedingt neben der Tanzausbildung noch Psychologie studieren. Sie weiß selbst, dass das unrealistisch klingt und schwierig mit dem Tanzen zu vereinbaren ist, aber : „Ein Jahr lang konnte ich mich von dem Gefühl, dass ich es unbedingt machen muss, nicht lösen. Deshalb habe ich entschieden ein Fernstudium zu machen.“
Außerdem fügt sie hinzu: „Die Einschränkungen, die du im Leben spürst, bestimmen deine Ziele, deine Motivation, das, was du dir erlaubst, in welchen Begriffen du denkst. Wenn du die Unsicherheit und Selbstzweifel behoben hast, fallen auch die Einschränkungen weg. Man sieht neue Wege, neue Lösungen, dementsprechend auch neue Ziele.“
Und wie soll es nun für sie weitergehen? „Ich habe jetzt wieder angefangen an einer Stelle, die ich mit 17 Jahren aufgegeben habe. Ich bin in der Ausprobierphase. Ich kämpfe immer noch mit Unruhezuständen und Ängsten, aber ich baue mein Leben nicht mehr darum herum. Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, ist man es auch nicht mit der Außenwelt. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Seitdem ich nicht mehr mache, was andere für richtig halten, geht es mir besser.“ Das Tanzen will sie auf jeden Fall weiter machen. Klar wäre es schön, damit irgendwann Geld zu verdienen, aber das ist nicht das vorrangige Ziel: „ Ich will vom Tanzen nicht in erster Linie leben können, ich möchte mich einfach immer verbessern und die Leidenschaft leben.“

 

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